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News vom 08.12.11: Bundesverdienstkreuz für Bioethik-Kritiker Dr. Rolf Lorenz

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OB Boris Palmer und Dr. Rolf LorenzFür seinen langjährigen unermüdlichen Einsatz zum Schutz der Menschenwürde in allen Lebensphasen wurde der Bioethik-Kritiker Dr. Rolf Lorenz aus Tübingen, Initiator der "Tübinger Initiative gegen die Bioethikkonvention", mit dem Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Die feierliche Übergabe erfolgte am 07. Dezember 2011 im Tübinger Rathaus durch den Oberbürgermeister Boris Palmer. Die Verleihung durch den Bundespräsidenten Christian Wulff auf Vorschlag des Baden-Württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann erfolgte bereits am 26. Juli 2011. Angeregt wurde die Auszeichnung von Herrn Horst Haar, Geschäftsführer des Diakonischen Werks Tübingen bereits 2008.

Nach einer musikalischen Eröffnung mit der Geigerin Julia Galic und Tanja Kamil am Klavier gab OB Palmer in seiner Rede vor zahlreichen geladenen Gästen aus ganz Deutschland zunächst einen kurzen Abriss über den privaten und beruflichen Werdegang von Dr. Lorenz. Rolf J. Lorenz wurde 1930 in Helmstedt geboren. Von 1949 bis 1954 studierte er Mathematik und Physik in Halle (Saale) mit dem Abschluss "Diplommathematiker". Von 1958 bis zu seinem Ruhestand 1995 arbeitete er als Biostatistiker an der Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere in Tübingen. 1970 promovierte er an der Universität Tübingen mit einer Arbeit aus dem Gebiet der Populationsgenetik. Seitdem war er auch als Lehrbeauftragter für Biometrie an der Fakultät für Biologie tätig. Die Berufung auf die Stelle eines Professors (AH 4) für Biometrie und Biostatistik an der Freien Universität Berlin 1978 lehnte Herr Lorenz ab.

Dr. Rolf LorenzVon 1970 bis 1990 engagierte sich Dr. rer. nat. Lorenz im "Verband der Wissenschaftler an Forschungsinstituten e.V." (VWF), der inzwischen nicht mehr existiert. Dort war er für die Organisation von Tagungen und für den Aufbau und Erhalt von Kontakten zuständig. Wie Herr Dr. Lorenz ergänzend im Gespräch mit der Redaktion dieser Webseite ausführte, entstand die wichtigste Leistung des VWF nach Willy Brandts Ruf "mehr Demokratie wagen", der bei den staatlichen Forschungseinrichtungen ein besonders lebhaftes Echo gefunden hatte. Die Regierung forderte den VWF auf, den Entwurf einer Satzung für diese Einrichtungen vorzulegen. Ziel war, die teilweise feudalen Herrschaftsverhältnisse in den Instituten durch angemessene Beteiligungs- und Informationsrechte für die wissenschaftlichen Mitarbeiter zu ersetzen. Der Entwurf des VWF wurde - nach starker Verdünnung - tatsächlich in die Praxis umgesetzt. Ernüchternd waren die ersten Erfahrungen insofern, dass selbst minimale Zugeständnisse den Mitarbeitern nicht in den Schoß gelegt wurden, sie mussten oft den verärgerten Vorgesetzten in zähen Einzelkämpfen abgerungen werden.

"Mit seinem Weitblick erkannte er schon frühzeitig die Anzeichen der schleichenden Umweltzerstörung. Er suchte nach Mittel und Wegen, einen persönlichen Beitrag zur Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen zu leisten. Schon 1975 rief er seine Kollegen auf, neue Methoden für die Planung und Auswertung von Beobachtungen in der Umweltforschung zu entwickeln", heißt es im Antrag auf Verleihung des Verdienstordens vom Dezember 2008. Für seine Anliegen brachte er sich auch vielfältig praktisch ein.

Arbeitsgruppe "Ethik und Verantwortung in der Biometrie"

Weiter hat sich Dr. Lorenz durch seine langjährige Mitarbeit in der "Deutschen Region der Internationalen Biometrischen Gesellschaft" verdient gemacht. Zu Beginn der 1990er-Jahre baute er die Arbeitsgruppe "Ethik und Verantwortung in der Biometrie" auf und übernahm über Jahre hinweg die Leitung dieser Arbeitsgruppe. Aus äußerem Anlass beschäftigte sich Dr. Lorenz mit Veröffentlichungen von Wissenschaftlern, die sich vor und während des zweiten Weltkrieges mit der Erbforschung am Menschen befassten. Die damals populäre Forschungsrichtung "Eugenik und Rassenhygiene" wurde von den Machthabern jener Zeit als Begründung für die "Vernichtung unwerten Lebens" herangezogen.

Dr. Lorenz erkannte die Gefahren, wenn Wissenschaftler in faustischen Erkenntnisdrang ethische Grenzen missachten und der Gesellschaft die Kontrolle über den Missbrauch der Forschungsfreiheit entgleitet. In der Arbeitsgruppe "Ethik und Verantwortung" sah er eine Möglichkeit, sein Anliegen in die Öffentlichkeit zu tragen. Weiters organisierte und leitete Dr. Lorenz lange Jahre die biometrische Ausbildung und Beratung im Senat der Bundesforschungsanstalten des Bundesministeriums für Landwirtschaft, womit er sich um die biometrische Fort- und Weiterbildung von Wissenschaftlern aus den Lebenswissenschaften sehr verdient gemacht habe.

Gründung der "Tübinger Initiative gegen die Bioethik-Konvention"

Dr. Rolf Lorenz und Prof. Dietmar MiethIm Jahr 1996 gründete Dr. Lorenz die "Tübinger Initiative gegen die Bioethik-Konvention" und übernahm die Leitung und Organisation sowie die Aufgabe des Sprechers dieser Initiative. Im Rahmen dieser in ihrer Art einmaligen Initiative, die bundesweit hohe Anerkennung findet, setzt sich Dr. Lorenz mit großem ehrenamtlichem Engagement für den Schutz der Menschenrechte ein. Er hielt zahlreiche Vorträge, u. a. an Schulen, organisierte Unterschriftenaktionen und unterstützte zahlreiche Institutionen und Veranstaltungen im Bereich Menschenrechte, Verfolgung und Behinderung. Zusammen mit dem Moraltheologen Prof. Dr. Dietmar Mieth und Prof. Ludolf Müller veranstaltete Dr. Lorenz im Herbst 2000 bis Frühjahr 2002 an der Universität Tübingen eine achtteilige Vortragsreihe zum Thema "Die Würde des Menschen - beim Wort genommen" mit anschließender Buchveröffentlichung. Immer wieder und unermüdlich machte er in diesen Veranstaltungen auf die gesellschaftlichen Risiken und moralischen Probleme aufmerksam, mit denen die Biotechnologie belastet ist.

"Dabei hat sich Dr. Lorenz vehement in politische Prozesse eingemischt, wenn er das Gefühl hatte, dass hier die Würde und das Lebensrecht von Menschen tangiert sein könnte", so der Oberbürgermeister. Eine große Anzahl an weiteren Projekten folgte, u. a. Rundschreiben, halbjährliche "Zirkulare" an rund 1.000 Personen und Institutionen in Deutschland, Organisierung mehrerer Petitionen an das Europäische Parlament und das Europäische Patentamt (1997 - 2006) sowie zahlreiche Briefe und Appelle an Bundestagsabgeordnete und staatliche Stellen. Themen waren dabei die fremdnützige Forschung an Nichteinwilligungsfähigen, Fortpflanzungsmedizin, Embryonenschutz-Gesetz und Stammzellforschung. Weiters organisierte er Bürger-Unterstützungen zur Einrichtung einer 1. Enquete-Kommission "Recht und Ethik der modernen Medizin" des Deutschen Bundestags in der 14. Wahlperiode im Jahr 2000 und der 15. Wahlperiode im Jahr 2003 sowie eines Ethikberatungsgremiums der 16. Wahlperiode 2005, das damals knapp zu scheitern drohte und nur dem beharrlichen Druck der kritischen Öffentlichkeit und einzelner Abgeordneter zu verdanken war.

Jahrzehntelange unermüdliche Arbeit zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit für bioethische Themen

"Für seine jahrzehntelange unermüdliche Arbeit, die Öffentlichkeit für das Thema Bioethik zu sensibilisieren und für den damit verbundenen Aufwand an Zeit und Kraft, insbesondere auch um sich selbst durch stetiges Studium über die schnellen Entwicklungen dieses Fachgebietes auf dem Laufenden halten, gebührt Dr. Lorenz hohe Anerkennung. Was scheinbar aussichts- und nutzlos schien - eine private Initiative ohne jeden institutionellen Rückhalt und finanzielle Grundlage - hat durch die intensive und ausdauernde Arbeit von Dr. Lorenz reiche Frucht getragen", heißt es in dem Antrag.

"Dank seiner Sachkompetenz, seiner hohen Einsatzbereitschaft und seinem sachlichen, nicht zu Extrempositionen neigenden Wesens" sei es ihm gelungen, das Thema Bioethik sowohl in weiten Teil der Bevölkerung als auch im politischen Bereich bekannt zu machen und die Menschen auf die ethische Problematik mancher Forschungszweige aufmerksam zu machen. Dabei sei es Dr. Lorenz nie daran gelegen gewesen, bioethische Forschung grundsätzlich abzulehnen, vielmehr sei es sein Bestreben gewesen, Kriterien und Grenzen für diese Forschung einzufordern, damit weiterhin alle Menschen ihre Würde und ihr Lebensrecht zugestanden wird. Immer wieder habe er widersprochen, wo Menschen aufgrund ihrer Behinderung oder ihre Entwicklungsstandes diskriminiert werden oder ihnen gar ihr Lebensrecht genommen werden sollte, wie z.B. bei der Embryonenforschung.

Fünf Rosen für einen Brückenbauer

Im Anschluss an die Rede des Oberbürgermeisters folgten als weitere Laudatoren Dr. Fritz Hans Schwarzenbach, früher tätig für die Schweizerische Stiftung für Alpine Forschung und ehemaliger Kollege von Dr. Lorenz aus der Schweiz, und der Tübinger Moraltheologe Prof. Dietmar Mieth.

Dr. Fritz Schwarzenbach und Dr. Rolf LorenzAls doktorierter Botaniker überreichte Dr. Schwarzenbach fünf Rosen, von denen jede einen eigenen Namen trug und eine eigene Bedeutung hatte. Die erste Rose erinnerte an den denkwürdigen Tag, an dem die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit dem Gefeierten 1983 ihren Anfang nahm. Sie trug den Namen "Wiedergutmachung" für einen damals begangenen Fauxpas beim ersten Treffen, der dem Laudator ewig in Erinnerung blieb. Die zweite Rose stand für "Voraussicht", mit der Rolf Lorenz am Beispiel der Ökologie eine wissenschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung erspürt und in ihrer zukünftigen Bedeutung erkannt hat. Die dritte Rose mit Namen "Hingabe" habe sich Dr. Lorenz verdient für sein vielfältiges Engagement, mit dem er seine Ideen und Ziele umgesetzt hat.

Die vierte Rose trug den Namen "Verantwortung". Denn vor dem Hintergrund der tief schürfenden Auseinandersetzung mit den Arbeiten der deutschen Erbforscher und Evolutionsbiologen in den 1930er Jahren, setzte er sich zum Ziel, dieses dunkle Kapitel der Wissenschaftsentwicklung, aus der unter dem Begriff der "Eugenik" eine wissenschaftliche Begründung für die politische Verfolgung ethnischer Minderheiten und der Vernichtung "unwerten Lebens" erwuchs, vor dem Vergessen zu bewahren. "Er nannte die damals beteiligten Forscher beim Namen und mahnte sie an, sich ihrer moralischen Verantwortung zu stellen", so Schwarzenbach. Die letzte Rose war symbolisch ein Dank an Rolf Lorenz für die langjährige Zusammenarbeit und Freundschaft, aber auch ein Zeichen der Erinnerung und Dankes an seine verstorbene Frau Rosemarie Lorenz. "Sie hat Rolf bis zu ihrem Tod begleitet, sie hat ihn in Zeiten der Anfechtung und der Kritik gestützt und aufgemuntert", betonte Schwarzenbach.

Professor Mieth lobte in einer kurzen Rede den 81-jährigen Dr. Lorenz vor allem als "Brückenbauer", als Verbindungsglied in bioethischen Debatten, das er mittlerweile leider immer mehr vermisst. Auch Mieth dankte ihm für die Zusammenarbeit und sein unermüdliches Engagement.

Stellvertretende Ehrung

Dr. Rolf Lorenz mit dem BundesverdienstkkreuzDr. Rolf Lorenz bekommt das Bundesverdienstkkreuz angestecktDr. Lorenz zeigte sich in seiner Dankesrede ergriffen darüber, dass ihm "so viel Gutes nachgesagt" wird. Doch er machte auch darauf aufmerksam, dass es nicht nur sein Verdienst ist, der an diesem Tag geehrt wird, sondern auch der Verdienst zahlreicher anderen bioethik-kritischen Gruppierungen. Zur Verdeutlichung zitierte er zusammenfassend aus einem Dankesbrief von Jobst Paul, der damals maßgeblich Mitte der 90er Jahre an der Aufdeckung der umstrittenen Bioethik-Konvention des Europarates und der anschließenden Debatte beteiligt war.

Darin schrieb Paul: "Unser aller Arbeit bekommt dadurch einen Glanz, den wir doch alle nicht für möglich gehalten hätten. Dass die bioethische Debatte in Deutschland nachhaltig aufgegriffen hat, was wir wollten, ist doch toll - dass sich heute diejenigen kundig machen, die politisch entscheiden müssen, das wollten wir. Und inzwischen ist das notwendige - auch ethische - Wissen längst beim Bundesverfassungsgericht und, wenn mich nicht alles täuscht, beim EuGH. Wir können also sehr sicher sein, leichtfertige politische Bioethik-Weichenstellungen wird es wohl nicht mehr geben können."

Diese Einschätzung teilte Dr. Lorenz. Die Diskussionen liefen jetzt "anders als noch vor 10 oder 15 Jahren", das notwendige bioethische Wissen sei angekommen, auch wenn es um Erfolge manchmal "sehr dünn bestellt" sei, so sein Fazit.
 

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